Die Entdeckung von Melanotaenia garylangei

Johannes Graf (IRG 392) – Artikel zuerst erschienen im „Regenbogenfisch“ Ausgabe 3-15

 

Nun ist sie endlich fertig, die Beschreibung von Melanotaenia garylangei. Für mich war es die erste Beschreibung einer neuen Fischart und ich habe viel dabei gelernt. Bei der Erfassung und Verarbeitung der Daten und der Erarbeitung des Textes hatte ich eine Menge Hilfe, vor allem von Dr. Fabian Herder, Dr. Peter Unmack und anderen.

Wie aber kam es zu der Entdeckung dieses Fisches?

Auf unserer Reise in West Papua im Jahr 2010 waren Dan Dority, Gary Lange und ich von einer Autotour wieder zurück in Sentani. Wir hatten zuvor bei den Missionsfluglinien angefragt, ob in den nächsten Tagen ein Flug mit drei freien Plätzen in den Süden von Neuguinea geplant sei. Nun bekamen wir die Nachricht, dass ein Flug am nächsten Tag nach Dekai gehen sollte. Dan telefonierte ein bisschen herum und am nächsten Tag fuhren wir zum Flugplatz. Bislang war ich in Neuguinea mit eher abenteuerlichen Flugzeugen geflogen, meistens Cessna185, aber dies hier war der pure Luxus. Eine Pilatus PC 12, fast neu, mit Turbinenantrieb statt des Kolbenmotors in der Cessna. Ich lernte, dass fast alle Flugzeuge mit Kolbenmotoren in den letzten Jahren ausgetauscht worden waren, weil der hochoktanige Treibstoff (Jetfuel) für diese Motoren extrem teuer geworden war, sodass sich die Anschaffung von Maschinen mit Turbinen, die mit Kerosin betrieben werden, lohnte.

So sieht ein glückliches IRG-Mitglied aus: Johannes Graf im „Urlaub“ bei Dekai im Regenwald von Neuguinea. Foto: J. Graf/G. Lange

Auf nach Dekai

Nun also flogen wir Richtung Dekai. Zunächst überflogen wir den Sentanisee, sahen den See Ifatan (Heimat von Glossolepis pseudoincisus, eigentlich heißt der See „Enfote“) und setzten unseren Flug über dem Tami-Flusssystem fort. Schon bald kamen die Berge in Sicht, wir überflogen die Zuflüsse des Mamberamo und bald auch die Gipfel der Gebirgskette, die Neuguinea in eine nördliche und eine südliche Hälfte trennt.

Dekai liegt im System des Sungai Pulau (Eilanden River), an einem Zufluss mit dem Namen Sungai Brazza. Wie uns der Pilot erläuterte, war dort noch vor kurzer Zeit nur eine kleine Ansiedlung mit ein paar Hütten und einer sumpfigen Wiese, auf der man kaum landen konnte. Jetzt ist dort eine asphaltierte Landebahn, eine Stadt und ein Schiffsdock am Fluss. Hintergrund ist auch hier die Transmigrasi-Politik der indonesischen Regierung, die Aussiedler aus den übervölkerten Inseln Java und Sulawesi an verschiedenen Stellen in West Papua ansiedelt und dafür die entsprechende Infrastruktur schafft.

Nach der Landung lernten wir Akso, einen netten Einheimischen und Freund von Dan, kennen. Akso hatte für uns ein Auto besorgt, einen älteren Toyota Pickup. Leider ohne Allradantrieb, aber auch mit Hinterradantrieb kommt man ziemlich weit. Akso war es ganz wichtig, uns zu fahren, und er ließ niemanden sonst ans Steuer.

Zwecks Besiedlung wurden in Dekai zwei Straßen angelegt. Die eine führt nach Westen, die andere nach Norden. Wir entschieden also, zuerst die eine und am anderen Tag die andere Straße abzufahren und dabei die Gewässer zu befischen.

Die Ortschaft selbst boomt und wird ständig erweitert. So dauert es einige Zeit, bis man die Ansiedlungen hinter sich gelassen hat und der Wald die Straße säumt. Auf der Ladefläche des Pickups sitzend, ändert sich die Landschaft zwar kaum, aber der Wald zeigt mit steigender Entfernung von der Ortschaft immer weniger Eingriffe wie Maniok-, Bananen- oder Yamsplantagen. Ölpalmenplantagen gab es 2010 in der Umgebung von Dekai noch nicht. Ich frage mich, ob das heute noch so ist.

Dekai ist eine Gegend mit sehr hohen Niederschlägen. Ich habe keine genauen Daten aus dieser Gegend, aber es gibt dort durchaus Gebiete, in denen jährlich 2000 bis 3000 Liter pro Quadratmeter Regen fallen. Zum Vergleich: in Deutschland fallen in den meisten Gegenden jährlich 700 bis 800 Liter. Wenn man auf der Ladefläche eines Pickups sitzend von so einem tropischen Regenschauer durchnässt wird, fängt man trotz 35 °C Lufttemperatur jämmerlich an zu frieren. Also ist man gut beraten, immer eine Plane oder einen Poncho griffbereit zu haben.

Endlich ist das Netz im Wasser! (Alle Fotos: Gary Lange/Johannes Graf) 
Unser überschüssiger Fang aus Regenbogenfischen und Schläfergrundeln am zweiten Tag (oben). Exemplare die zu groß zum Mitnehmen fürs Aquarium sind, werden für das Abendessen eingesammelt. Der Räuber Glossamia aprion ging uns gleich am ersten Tag ins Netz (unten).

Der erste Fang

Schon bald kam der erste kleine Fluss in Sicht, der aus Sicht des reisenden Aquarianers richtig gut aussah: relativ schnell fließendes, klares und braun gefärbtes Wasser, keine größeren Zerstörungen rundherum. Also absitzen, Netz auspacken und auf ging es ins Wasser. Mit einem Zugnetz fischten wir den Fluss ab und schon beim ersten Zug hatten wir unsere erste Beute: Melanotaenia goldiei, so schön wie ich sie noch nie woanders gesehen habe. Die meisten Formen dieser Art spielen farblich im Gelblich-grünlichen in verschiedenen Variationen, aber hier hatten wir es mit einem intensiv blauen Vertreter zu tun, der das ganze Ensemble noch mit gelb-roten Flossen verstärkt.

Diese Art ist inzwischen zu einem meiner Lieblings-Regenbogenfische geworden, denn sie ist leicht zu halten und immer in Farbe. Mit im Netz hatten wir noch Hornhechte (Zenarchopterus novaeguineae) und den Räuber Glossamia aprion.

Weiter ging die Fahrt. Wir beschlossen, erst einmal bis zum Ende der Straße zu fahren und dann auf dem Rückweg zu fischen. Wir kehrten am unspektakulären Ende der Straße um, die Straße endete einfach vor den Bäumen, und fischten dann verschiedene Gewässertypen ab. Das ist ganz wichtig, denn wir haben gelernt, dass die verschiedenen Artengruppen von Regenbogenfischen ganz unterschiedliche Gewässertypen bewohnen und sich damit nicht gegenseitig den Lebensraum streitig machen.

An einem breiteren (ca. 10 m) und ziemlich tiefen (um die 2 m) Fluss fischten wir wieder und fingen sehr schöne Craterocephalus nouhuysi, ein Hartköpfchen, das gern in der Strömung lebt und dort in kleinen Gruppen auf Futtersuche unterwegs ist. Am Rand des Flusses in der Böschung fingen wir einige große Melanotaenia rubrostriata. Unser zweiter Regenbogenfisch, nicht schlecht. Aber zum Mitnehmen waren diese Tiere viel zu groß.

Weiter ging es und langsam neigte sich der Tag. In den Tropen bricht die Nacht gegen 18 Uhr fast schlagartig an, eine Dämmerung wie bei uns gibt es nur im Minutenbereich. Im Dunkeln soll man auf solchen Schotterstraßen mit Schlaglöchern besser nicht unterwegs sein. Zu schnell hat man ein großes Loch übersehen und wenn das Auto einen Schaden abbekommt, hat man ein Problem.

Ein interessanter Ort ging aber noch und wir entschieden uns für eine Stelle, an der ein Bach parallel zur Straße lief und sich mit einem zweiten Bach, der aus dem Wald kommt, vereinigte. Das Ganze bildete eine Art Pool, der dann in den Wald ablief.

Nun wurde die Zeit aber doch knapp und wir machten nur einen schnellen Zug. Aber gleich darin hatten wir kleine M. rubrostriata, eine Mogurnda-Art und einen unbekannten Regenbogenfisch. Wir beschlossen, am nächsten Tag zurückzukommen.

Wir fuhren also zu Aksos Haus. Er lebte in einer Siedlung, die die Regierung gebaut hat und für wenig Geld den Siedlern überlässt. Akso ist übrigens Papua, also ein Ureinwohner, und kein Indonesier. Er wurde an der Missionsschule in Sentani ausgebildet und arbeitete nun in Dekai. Viele der recht komfortablen Häuser sind übrigens von Teichen umgeben, in denen Channa und Tilapia gezüchtet werden. Kein Wunder, dass angesichts der hohen Regenfälle in dieser Gegend Tiere in die Umgebung entkommen. Wir haben mehrfach solche im Netz gehabt.

Wir kochten Reis und holten Essen an einem Stand im Ort. Eric Roberts stieß zu uns, ein amerikanischer Missionspilot, der in Papua lebt und heute in Dekai übernachtete. Nach ihm wurde erst unlängst Melanotaenia ericrobertsi benannt (früher M. spec. „Suswa Village“). Morgen würde er noch einen Flug absolvieren und uns dann nach Sentani zurückfliegen. Wir saßen noch lange zusammen, machten Pläne und irgendwann kehrte Ruhe ein.

Am zweiten Tag

Am nächsten Morgen waren wir zeitig auf den Beinen und mit Beginn des Tageslichtes startklar. Natürlich regnete es. Das ist hier normal. Wir starteten trotzdem, zwei saßen auf der Ladefläche unter einer Plane. Wir hatten ein strammes Programm: Wir wollten bis zum Ende der anderen Straße fahren, dann auf dem Rückweg fischen und zum Schluss zu dem Platz von gestern Abend fahren.

Das hieß erst einmal eine gute Stunde Dauerfahrt über eine Schotterstraße. Immer weiter kamen wir in unbesiedeltes Gebiet. Dann lag ein Baum quer über der Straße. Akso meinte, dass er am Rand der Straße über die dünnen Kronenäste hinwegfahren könne und fuhr sich prompt fest. Alles Schieben half nichts, der Wagen saß fest.

In Papua ist man nie allein. Man glaubt, in der Mitte von Nirgendwo zu sein und plötzlich taucht ein Mensch auf. So war es auch hier. Erst einer, dann zwei, immer mehr. Sie wohnen irgendwo im Wald in Hütten und haben ein unglaubliches Gespür für Ereignisse. Einer, er schien das Oberhaupt der Sippe zu sein, hatte eine Axt dabei. Er hackte das Oberteil des Baumes weg. Wir beluden derweil die Ladefläche des Pickup, damit mehr Gewicht auf die Hinterräder kam. Nach vielem Gezerre und Geschiebe kam der Wagen frei. Jetzt mußten natürlich alle mit und wir hatten die Ladefläche voll mit Männern, Frauen und Kindern sitzen, die die Fahrt genossen. Das Komische an der Situation: Nach wenigen hundert Metern war die Straße zu Ende.

Das Ende lag an einem Fluss, auf der anderen Seite sollte es offensichtlich weitergehen, aber es war noch keine Brücke gebaut. Wir fischten im Fluss und fingen einige Melanotaenia goldiei. Auf der anderen Seite war ein breiter, zugekrauteter Straßengraben, den wir abfischten. Das war sehr erfolgreich, wir hatten das Netz voll mit M. rubrostriata, Mogurnda cingulata und dem Glasbarsch Ambassis agrammus. Viel zu viele Tiere für uns, aber die Einheimischen sammelten sorgfältig alle Fische in eine rote Plastikschale ein. Das wurde das Abendessen.

Garys Fisch!

Auf dem Rückweg konzentrierten wir uns auf kleine Bäche, einen Lebensraumtyp, den wir bislang kaum befischt hatten. Das war eine sehr mühsame Arbeit, denn man musste entweder mit dem Rahmennetz die Böschung Schub für Schub durcharbeiten oder mit dem gespannten Zugnetz unter die Pflanzen ziehen. Die Mühe wurde belohnt und nach einiger Zeit hatten wir Exemplare eines weiteren Regenbogenfisches im Netz. Es waren nur einzelne Tiere, aber nach einiger Zeit bekamen wir einige zusammen. Gary war total begeistert von diesen Tieren. Vom Aussehen her gehörten sie in die Verwandtschaft von M. maccullochi, aber die Farbe war viel kräftiger und changierte zwischen Goldgelb und Grün, mit blauem Nacken bei erwachsenen Männchen, und roten Flossen. Gary konnte sich gar nicht beruhigen und irgendwann wurde mir klar: Das ist Garys Fisch.

Der Typusfundort von Melanotaenia garylangei
Die stolzen Fänger Johannes, Dan und Gary mit ihrer Beute.

Allzu viele Tiere haben wir aber nicht zusammenbekommen und wir beschlossen, an den Ort vom Vortag zu fahren, denn das, was wir in der Dämmerung im Netz gesehen hatten, sah verdächtig nach der gleichen Art aus. Gestern Abend waren es aber nur sehr kleine Tiere gewesen.

Also los, nach einer halben Stunde waren wir da. Jetzt fischten wir den ganzen Bereich systematisch ab. Wir fingen mit dem größeren Bach an, dort hatten wir Melanotaenia goldiei und M. rubrostriata im Netz. Dann fischten wir den Pool durch, dort fingen wir Mogurnda cingulata und Melanotaenia rubrostriata. In den kleineren Bach hinein, zwischen den Pflanzen gingen uns die Augen über, als wir das Netz aus dem mittlerweile trüben Wasser hochzogen: die unbekannte Regenbogenfischart und Blauaugen! Wir stellten fest, dass je nachdem, wie man das Netz stellte und wie man den Ort durchtrieb, man alle vier Arten plus die Mogurnda in einem Netz haben konnte. Dieser Ort war ein seltener Glücksfall. Hier stoßen vier Lebensbereiche auf kleinstem Raum aufeinander:
1) fließendes Freiwasser, in dem sich Melanotaenia goldiei aufhalten,
2) ruhige Böschungsbereiche mit M. rubrostriata,
3) zugekrautete Bäche mit geringer Tiefe und Schwarzwasser, bevorzugt von M. garylangei, und
4) ultraflaches Wasser (5 cm) von kleinen Bächen, die aus dem Wald kommen,
dies ist der Lebensraum von Pseudomugil spec. Die Blauaugen waren wunderschön: stärker gelb gefärbt als die bisher bekannten Pseudomugil gertrudae aus Süd-Neuguinea, mit schön ausgezogenen und stark gepunkteten Flossen und roten und blauen Flecken an den Zipfeln der Schwanzflossen. Jedes Männchen sah anders aus.

So einen Jackpot gewinnt man selten: einer der schönsten M. goldiei, eine unbeschriebene Regenbogenfischart und ein unbekanntes Blauauge! Sorgfältig versorgten wir Tiere in der optimalen Transportgröße (1,5 cm) nochmal mit frischem, sauberem Wasser und verpackten sie dann in atmende Beutel für den Transport. Es war langsam Zeit, den Rückweg anzutreten, denn am Flugplatz wartete Eric mit seinem Flieger auf uns. Er wusste ja, wo wir waren und kam schon vor einiger Zeit in, sagen wir mal verharmlosend, ungewöhnlich geringer Höhe über uns hinweggebraust. Eine halbe Stunde später waren wir am Flugplatz und schon wieder auf dem Rückweg. Unterwegs landeten wir noch in Gidomen, aber das ist eine andere Geschichte.

Die stolzen Fänger Johannes, Dan und Gary mit ihrer Beute.
Melanotaenia garylangei (oben) und Pseudomugil spec. Dekai (unten) frisch gefangen …
… und herrlich ausgefärbt zu Hause im Aquarium.

Wissenschaftliche Nacharbeit

Melanotaenia goldiei „Dekai“ im Aquarium

Zu Hause in Deutschland angekommen, habe ich präparierte Tiere der neuen Regenbogenfischart zunächst mit dem in der Nähe vorkommenden M. ogilbyi vom Originalfundort (Sungai Unir/Lorentzfluss) verglichen. Wohlgemerkt, vom Originalfundort und nicht die im Hobby befindlichen M. ogilbyi aus Timika, die nach meiner Ansicht noch eines genaueren Blicks bedürfen. Die Belegexemplare von M. ogilbyi (drei Tiere) sind in der Naturalis- Sammlung in Leiden (Niederlande) untergebracht. Der Kurator der Sammlung, Rudie Kuiter, gab mir gleich Zugriff auf die Exemplare und ich stellte fest, dass es ein nicht variables Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden Arten gibt: die Anzahl der Flossenstrahlen in der zweiten Rückenlosse. Auf diesem Unterschied fußt die Beschreibung von Melanotaenia garylangei, die im Heft Nr. 2/2015 von „Fishes of Sahul“ erschienen ist. Zu den anderen Arten in der Maccullochi-Gruppe (M. maccullochi, M. sexlineata, M. caerulea, M. sylvatica, M. papuae) sind die Zählwerte der Flossenstrahlen in der zweiten Rückenflosse ebenfalls unterschiedlich.

Dr. Peter Unmack erhielt gleich nach der Rückkehr Ethanolpräparate der neuen Art und stellte fest, dass diese auch aus genetischer Sicht eindeutig eine unbeschriebene Art sind, deren Verwandtschaft am nächsten bei M. maccullochi „Burton Creek“ (dem kleinen „Maccullochi“ aus dem Litchield National Park in Nordaustralien) und bei M. sylvatica liegt.

In der Haltung ist M. garylangei unproblematisch, wenn man beachtet, dass die Art aus Schwarzwasser kommt. Relativ weiches Wasser ist angeraten, wenn ich auch inzwischen Berichte über Haltungserfolge in härterem Wasser gehört habe. Die Zucht erfolgt nach dem üblichen Verfahren mit einem Wollmopp. Zum Zuchtansatz und Schlupf verwende ich Regenwasser, in dem ich bessere Ausbeuten erziele.

Melanotaenia garylangei im Aquarium.

Mein Dank gilt meinem Reisegefährten Gary Lange, der mich 2008 ermutigt hat, die erste Reise nach West Papua zu unternehmen. Zwei weitere Reisen folgten 2010 und 2012 und die nächste Reise ist schon in Planung.